Traces

Dass im Kulturraum Waldenburg im alten Gerichtsgebäude, wo einst über Recht und Unrecht geurteilt wurde, zwei Künstler aus Russland ausstellen, ist aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich sind ebenso ihre künstlerischen Recherchen, die das Politische im Überall verorten. Die Themen, die das Paar Sonia Andrews (*1998) und Aleksey Shchigalev (1989) in ihrer Arbeit beschäftigen, stammen nicht nur in aus ihrer Heimat, die sie zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine verliessen, sondern auch aus dem Kanton Baselland.

Aleksey Shchigalev beschäftigt sich mit vergessenen Erinnerungen, Spuren und Zeichen. Er begibt sich auf eine Spurensuche, um Machtstrukturen und Geschichte neu zu schreiben. Wie ein Investigativjournalist, wie ein Historiker nimmt er sich eines Themenbereichs aus seiner unmittelbaren Umwelt an. Durch Verknüpfungen von dokumentarischem Material aus Archiven und künstlerischen Interventionen macht er Zusammenhänge von historischen Gegebenheiten in unmittelbar sinnlicher Weise für Erfahrung und Erkenntnis sichtbar, so in seiner Arbeit Unnamed, 2021. Sie basiert auf Recherchen über seine Heimat in der Region Perm, als sein Grossvater mit Familie, wie so viele andere, in der Stalinzeit aus der Ukraine in den Ural deportiert wurde, um in der Holzindustrie zu arbeiten.

Auch A Piece of Switzerland, 2025, hat seinen Ursprung in einem Archiv, nun aus der Brockenstube Doris in Balsthal, wo Shchigalev der glückliche Finder dokumentarische Diapositive ausgemacht hat, die Landschaften, Orte, vereinzelt auch Menschen aus dem Kanton darstellen, die auf mehr verweisen als ein kurzer Anblick zu übermitteln vermag. Es sind Landschaften, in die eingegriffen wurde, die umgewälzt wurden für die Erstellung des Belchentunnels und die Anbindung ans Nationalstrassennetz. Am 23. Dezember 1970 fand die feierliche Eröffnung statt. Ein Band wurde durchschnitten, um freie Fahrt zu gewähren. Dieser Durchbruch durch den Jura brachte nicht nur Fortschritt mit sich, sondern auch Gefahren und Einbrüche. Der Bau provozierte im Juli 1969 in Eptingen einen Erdrutsch mit verheerenden Ausmassen. Eine nicht selten vergessene Folge der modernen Errungenschaft wird durch Shchigalevs Blick aus anderen Perspektiven in neuer Form und Verortung erfahrbar. Als Auftakt zur Ausstellung verweist eine Komposition aus übergrossen Scheren an der Bauverhüllung des ehemaligen Ärztehauses in Waldenburg als Eröffnung einer Wunde.

Unvermittelt denkt man an Paul Klee: «Ich suche nicht, ich finde», nicht nur bei Shchigalev, sondern auch bei Sonia Andrews künstlerischer Arbeit, die nach Spuren von Vergessenem und Übersehenem in einem von menschlicher Kultur gezeichneten Raum sucht, der im Zeitverlauf Veränderung erfahren und Spuren hinterlassen hat. So erhält durch Andrews Blick auf einen Trog und dessen Innenleben auf einem verwilderten Terrain in Langenbruck erweiterte Bedeutungen. Ein Stück verwobene Natur, das sich über die Jahrzehnte mit unzähligen Verbindungen und Verknüpfungen still neu erschaffen hat, eignet sie sich an. Es wird zu einem Objekt, zu einer Form, die uns gemahnt, uns in elementarer Weise auf uns selbst zurückbesinnen in der bedeutungsvollen und elementaren Erkenntnis, dass wir alle mit allem verwoben sind.

Sonia Andrews und Aleksey Shchigalev wohnen derzeit in Hegenheim.
Esther Maria Jungo, Juni 2025